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Wie spielt man Fingerpicking: 5 Stücke für Anfänger

Das Wichtigste auf einen Blick
  • Fingerpicking bedeutet, die Saiten mit den Fingern (Daumen, Zeige-, Mittel- und Ringfinger) statt mit einem Plektrum zu spielen, um Bass, Melodie und Begleitung gleichzeitig zu erzeugen.
  • Die goldene Regel für Anfänger: ein Finger = eine Saite, wobei der Daumen die drei Basssaiten und die anderen Finger die hohen Saiten spielen.
  • Fünf fortschreitende Stücke helfen, die Grundlagen des Fingerpickings zu erlernen: von „Dust in the Wind“ bis „Blackbird“ inklusive Travis Picking.
  • Eine akustische Folk-Gitarre im OM- oder Auditorium-Format mit leichten Saiten ist ideal, um mit dieser Technik zu starten.

Als wir das erste Mal einen Kunden „Dust in the Wind“ auf einer Ausstellungs-Folk-Gitarre im Laden nur mit den Fingern spielen hörten, blieb jeder stehen. Kein Verstärker, kein Plektrum – und doch klang es, als spielten zwei Musiker gleichzeitig.

Das ist Fingerpicking: eine Technik, die eine Klangwelt eröffnet, die mit dem Plektrum unerreichbar ist. Egal ob du Folk, Blues oder akustischen Pop magst, hier erfährst du, wie du mit 5 zugänglichen Stücken in deinem eigenen Tempo starten kannst.

Was genau ist Fingerpicking?

Fingerpicking – wörtlich „mit den Fingern zupfen“ – ist eine Technik, bei der Daumen, Zeige-, Mittel- und manchmal Ringfinger die Saiten ohne Plektrum anschlagen. Nicht zu verwechseln mit einfachen Arpeggios: Beim Fingerpicking übernimmt der Gitarrist mehrere Rollen gleichzeitig. Der Daumen spielt die Basslinie auf den drei Basssaiten, oft mit leichtem Dämpfen (Palm Mute) für einen perkussiven Effekt. Zeige-, Mittel- und Ringfinger kümmern sich um Melodie und Begleitung auf den hohen Saiten. Das Ergebnis? Ein voller, eigenständiger Klang, der den Eindruck erweckt, zwei Gitarristen spielten zusammen.

Gut zu wissen

Der Begriff „Travis Picking“ bezeichnet eine Fingerpicking-Variante, die in den 1940er Jahren von Merle Travis populär gemacht wurde. Der Daumen wechselt zwischen zwei Basssaiten, während die Finger die Melodie spielen. Chet Atkins perfektionierte diese Technik, indem er drei Finger statt nur einem einsetzte und so den Weg für modernes Fingerpicking ebnete.

Fingerposition: die Grundlage von allem

Bevor du dich an ein Stück wagst, musst du die Position der rechten Hand verinnerlichen. Die Grundregel lautet: ein Finger = eine feste Saite.

  • Daumen (p): tiefe E-Saite (6), A-Saite (5) und D-Saite (4)
  • Zeigefinger (i): G-Saite (3)
  • Mittelfinger (m): H-Saite (2)
  • Ringfinger (a): hohe E-Saite (1)

Dieses System der Zuweisung automatisiert die Bewegungen. Am Anfang wirkt es mechanisch – ähnlich wie das Zehnfingerschreiben – aber nach einigen Übungseinheiten positionieren sich deine Finger ganz natürlich. Platziere deine drei Finger (i, m, a) auf den jeweiligen Saiten bevor du zu spielen beginnst: diese Vorwegnahme ist der Schlüssel zu einem flüssigen Spiel.

Profi-Tipps

Wenn du Anfänger bist, konzentriere dich zunächst nur auf die rechte Hand. Spiele die leeren Saiten und halte dich an die Zuordnung Daumen/Zeige-/Mittel-/Ringfinger, ohne dich um Akkorde zu kümmern. Die linke Hand kommt erst dazu, wenn die Bewegung natürlich wird.

5 Stücke zum Einstieg ins Fingerpicking

Nichts hilft besser beim Lernen als echte Stücke. Hier sind 5 Titel nach steigender Schwierigkeit, perfekt, um deine Technik Schritt für Schritt aufzubauen.

1. „Dust in the Wind“ – Kansas

Das ist DAS Einsteigerstück für Fingerpicking. Das Muster der rechten Hand bleibt während des gesamten Stücks gleich: Daumen auf dem Bass, dann Zeige-, Mittel-, Ring-, Mittel-, Zeigefinger. Die Akkorde (Am, G, C, Dm) sind offene, leicht zugängliche Positionen. Die Herausforderung liegt in der Gleichmäßigkeit: Nutze ein Metronom bei 60-70 BPM und steigere dich langsam.

2. „Nothing Else Matters“ – Metallica

Ja, Metallica spielt Fingerpicking. Die ikonische Intro basiert auf einem Fingerarpeggio auf den leeren Saiten (E, H, G, H, E, H), was erlaubt, sich ausschließlich auf die rechte Hand zu konzentrieren. Wenn im Vers die Akkorde kommen, verändert sich das Muster leicht, bleibt aber im gleichen Stil. Ein Stück, das zeigt, dass diese Technik nicht nur auf Folk beschränkt ist.

3. „Le Pénitencier“ – Johnny Hallyday

Ein unverzichtbarer Klassiker, 1964 von Johnny Hallyday gecovert. Das Original „House of the Rising Sun“ von den Animals ist ein Musterbeispiel für Fingerpicking-Arpeggios: aufsteigend und absteigend über Mollakkorde (Am, C, D, F, E). Du trainierst sowohl die Flüssigkeit der rechten Hand als auch die Akkordwechsel, darunter das Barré-F. Wenn das Barré dir Schwierigkeiten macht, fang mit einem vereinfachten Fmaj7 an.

4. „Landslide“ – Fleetwood Mac

Dieser Song von Lindsey Buckingham führt ein wesentliches Konzept ein: die wechselnden Bässe. Der Daumen wechselt zwischen Grundton und Quinte des Akkords (zum Beispiel bei C zwischen der 5. und 4. Saite). Das ist das Herzstück des Travis Picking. Diese Wechsel erfordern zusätzliche Koordination – ein hervorragender Sprungbrett zu technisch anspruchsvolleren Stücken.

5. „Blackbird“ – The Beatles

Wir gehen einen Schritt weiter. „Blackbird“ von Paul McCartney ist kein einfaches wiederholtes Muster mehr: es ist ein kleines Stück mit einer unabhängigen Basslinie und einer Melodie auf den hohen Saiten. Das Stück verwendet ungewöhnliche Positionen und Verschiebungen, die eine gute Fingerfertigkeit der linken Hand erfordern. Wenn du es beherrschst, hast du alle Grundlagen, um richtig Fingerstyle zu spielen.

Tipp

Für jedes Stück beginne bei der Hälfte des Originaltempos. Präzision ist immer wichtiger als Geschwindigkeit. Nimm dich mit deinem Handy auf: so erkennst du sofort unsaubere Noten und unbeabsichtigte Beschleunigungen.

Welche Gitarre eignet sich fürs Fingerpicking?

Es gibt keine „Fingerpicking-Gitarre“, aber einige Eigenschaften erleichtern das Spielen. Eine akustische Folk-Gitarre ist die natürliche Wahl. Die Formate OM (Orchestra Model) und Auditorium sind besonders geeignet: Ihr Korpus ist kompakter als bei einer Dreadnought und bietet eine bessere Tontrennung, genau das Richtige, wenn jeder Finger eine eigene Stimme spielt.

Beim Holz sorgt eine Decke aus massivem Fichtenholz für Klarheit und Dynamik, während eine Zedernholzdecke wärmer klingt und sensibler auf leichte Anschläge reagiert. Für die Saiten empfiehlt sich ein leichter Saitenstärke (11-52 oder 10-47): weniger Widerstand, mehr Komfort für längere Sessions mit den Fingern.

Woodbrass Tipp

Wenn du Fingerpicking mit einem Kapodaster ausprobieren möchtest, um die Tonart zu wechseln, ohne die Griffpositionen zu verändern, schau dir unsere Kapodaster-Auswahl an. Viele Stücke – insbesondere „Landslide“ – werden mit einem Kapodaster im 3. Bund gespielt. Und für einen brillanteren Klang auf den hohen Saiten können Fingerpicks den Unterschied machen.

Häufige Fehler, die du vermeiden solltest

Fingerpicking erfordert Koordination. Hier sind die häufigsten Stolperfallen:

  • Die rechte Hand verkrampfen: Die Hand sollte entspannt bleiben, die Finger natürlich gebogen. Spannung zerstört die Flüssigkeit.
  • Den Daumen vernachlässigen: Er ist das rhythmische Fundament. Wenn er zögert, bricht alles zusammen. Übe zuerst nur die Bässe, bevor du die Melodie hinzufügst.
  • Zu schnell spielen wollen: Geschwindigkeit kommt mit dem muskelgedächtnis. Schnell spielen mit Fehlern verankert schlechte Gewohnheiten.
  • Akkordwechsel schlampig ausführen: Beim Fingerpicking zählt jede Note. Ein misslungener Wechsel erzeugt eine viel hörbarere Lücke als beim Strumming.

Eine gute Übung: Widme 10 Minuten dem Muster von „Dust in the Wind“ in Dauerschleife auf einem einzigen Akkord, mit geschlossenen Augen. Wenn die rechte Hand von selbst läuft, gehe zu den Akkordwechseln über.

Und danach? Der Weg zum Fingerstyle

Fingerpicking ist das Tor zum Fingerstyle, einer weiterführenden Spielweise, bei der der Gitarrist Tapping, Obertöne, Percussion auf dem Korpus und komplexe Arrangements integriert. Künstler wie Tommy Emmanuel, Andy McKee oder der Franzose Pierre Bensusan haben diese Disziplin auf ein spektakuläres Niveau gehoben. Alles beginnt mit denselben Grundlagen: einem sicheren Daumen, gut platzierten Fingern und einigen beherrschten Stücken. Also, bereit, das Plektrum wegzulegen?

Quellen

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